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• Leseprobe:
Was ist Raum? Was ist Zeit?
Eine Hommage an die „Physik-Freunde“ unter Ihnen
Raum, Zeit und Materie - diesen Größen ist unser gesamtes Leben untergeordnet. Es gibt nichts außerhalb unseres Selbst, was nicht auf ihnen begründet ist, zwangsläufig von ihnen abhängt und pausenlos massiv von ihnen beeinflusst wird.
Nichts in unserem Alltag, wie wir ihn uns erschaffen haben, hätte länger Bestand, weichte man die Macht dieser Komponenten auf. Und doch – oder gerade deshalb – schenken wir ihrer wahren Natur kaum Aufmerksamkeit, sondern schleichen uns davon, kaum dass jemand den Finger darauf legt. Doch ginge es nicht anders? Ist es bereits der Gipfel der Weisheit, dass wir „Opfer“ von Raum, Zeit und Materie sind, oder könnten wir eventuell zu „Tätern“ avancieren?
Davon handelt dieses Elaborat.
Wir gehen davon aus, dass es eine Selbstverständlichkeit ist, sich äußeren Bedingungen zu unterwerfen. Dies macht den Menschen aus - und ist sein Gefängnis. Er findet die Welt vor, wie sie ist, und meint sich ihren Gegebenheiten anpassen und sein Leben darum herum bauen zu müssen. Es geht uns nur selten um „hier“ und „jetzt“, sondern meist um „von hier nach dort“, „gestern über heute nach morgen“, „eben bis gleich“, „bei Dir oder bei mir“, „meins oder deins“, „haben und nicht haben“, und abhängig davon „sein oder nicht sein“, und auch der Fatalismus im „wenn … dann“ lässt uns bereitwillig mit der Meute heulen.
Materie?
Hat der menschliche Verstand Raum und Zeit sich in ihrer Macht also bereitwillig ausdehnen lassen, so kommt es beinahe einer Transformation gleich, wenn wir uns für die Erkenntnisse der Physik öffnen.
Es klingt zunächst einfach: Raum ist das was zwischen allen Materieteilen existiert, und Materie selbst besteht hauptsächlich aus Raum. Aber dann: Sie ist nicht mehr und nicht weniger als eine Idee.
Dies gründet auf der Tatsache, dass ein Atom größtenteils aus Nichts besteht. Wenn wir ein Atom auf Erbsengröße brächten, wären seine Elektronen 170 m weit von ihm entfernt. Oder: wenn wir ein Reiskorn auf die Mitte eines Fußballfeldes legen und auf den hinteren Rang des Stadions ein Sandkorn, haben wir in etwa die räumlichen Verhältnisse eines Atoms wiedergegeben.
Und was befindet sich zwischen Atomkern und Elektron? Was ist es, das das Atom am Auseinanderfallen hindert? Das Elektron umkreist seinen Kern in nur einer Millionstel Sekunde viele Millionen bis Milliarden Mal, und doch bleibt es bei ihm. Es ist Bindungsenergie am Werk. Es sind Bindungen aus purer Information. Nichts weiter! Ich warte an dieser Stelle gern noch damit auf, dass auch im Atomkern die Protonen und Neutronen und die Quarks, aus denen wiederum sie „bestehen“, sich durchaus nicht um einen Platz drängeln müssen.
Das allein reicht eigentlich aus, dass wir unser Leben nie wieder so betrachten können, wie wir es noch vor ein paar Sekunden taten – vorausgesetzt, unser Verstand gestattet uns wider Erwarten ein Festhalten an dieser Einsicht. Aber es kommt noch doller:
Die Launen der Elektronen
Im Doppelspaltversuch fanden Physiker heraus, dass Elektronen offenbar eine sehr eigenwillige Spezies sind. Hierfür vorab eine Schilderung:
![TN_doppelspaltdoppelspaltelektronen[1]2.png (15.06.2011) TN_doppelspaltdoppelspaltelektronen[1]2.png (15.06.2011)](http://www.ymohr.de/photos/TN_doppelspaltdoppelspaltelektronen[1]2.png)
Wenn wir eine große Platte mit einer oder zwei senkrechten Spalten vor eine Wand stellen und mit Teilchen, z.B. kleinen Bällen bewerfen, ergeben die Abdrücke der Bälle auf der Wand hinter der Platte ein Muster von einem oder zwei Streifen, entsprechend der Anzahl der Spalten.

Schicken wir hingegen Wellen (Wasser-, Schall- oder elektro-magnetische Wellen) durch solch eine Platte, so trennen sie sich vor der Platte und fließen dahinter wieder ineinander. Dort überlagern sie sich – wie auf einer Wasseroberfläche. Auf der Wand entstehen dadurch mehrere Streifen, wobei der mittlere am breitesten ist.
Die Physiker stellten nun ein Gerät auf, das ein Elektron nach dem anderen auf eine Platte mit einem Spalt schoss. Wie man es von Teilchen erwarten darf, hinterließen die Elektronen auf der Wand dahinter einen Streifen. Und da Elektronen Teilchen sind, sollten sie gemäß den physikalischen Gesetzen hinter einem doppelten Spalt zwei Streifen bilden.
Sie tun es aber nicht. Sie bilden hinter dem Doppelspalt ein Überlagerungsmuster, ganz wie Wellen es machen!
Dass Elektronen sich also das eine Mal wie Teilchen und ein anderes Mal wie Wellen verhalten, ist schon verwirrend. Doch wenn wir obendrein davon ausgehen, dass ja Wasser- oder Schallwellen so ein Muster nur deshalb erzeugen können, weil sie sich vor der Doppelspalt-Wand teilen und dahinter wieder vereinen, dann kommt mir sofort die Frage in den Sinn: „Was tun die Elektronen da?“. Sie sind keine Wellen und wurden außerdem nacheinander abgeschossen, können sich mit den anderen Elektronenbahnen also gar nicht überlagern. Dennoch hinterlassen sie Abdrücke an Stellen, an die sie mit gerader Flugbahn gar nicht gelangen können. Und selbst wenn ihre Flugbahn vielleicht nicht ganz gerade sein sollte, verwundert es dennoch, warum sich ein so ordentliches Muster auf der Wand bildet und kein willkürlich gestreutes Feld von Abdrücken.
Die Erkenntnis der versierten Studierten erlaubte nur diese Schlussfolgerung: Ein Elektron kann an zwei Stellen gleichzeitig sein und/oder seine Bahn verlassen. Sonst wäre es ihm unmöglich, sich so zu verhalten, und es könnte auch mit Tausenden seiner Art unter keinen Umständen ein Interferenzmuster bilden (roter Pfeil: wie sollten die Teilchen sonst dort hingelangen?).
Doch die Welt hat noch ein Ass im Ärmel. Die Verblüffung hat die Forscher zu einem weiteren Versuch veranlasst: da sie jetzt wissen wollten, was die Elektronen taten, bevor sie den Spalt passierten, stellten sie ein Messgerät auf, das die Aktivität vor den Spalten „beobachten“ sollte.
Was sie nicht erwarteten war, dass die Elektronen sich sofort wieder wie ordentliche Teilchen benahmen und hinter dem Schirm nun sittsam die zwei Streifen hinterließen, die der Mensch von Anfang an erwartet hätte. Es klingt vermessen, doch haben die Elektronen aufgrund der Tatsache, dass sie getestet wurden, eine neue Entscheidung getroffen? Wurde nur das Ergebnis ihrer Bewegung betrachtet, so benahmen sie sich wie Wellen. Wurde aber ihr Verhalten geprüft, so verhielten sie sich wie die Teilchen, die sie aus der Sicht der Menschen sein sollten...
Die „Realität“?
Resümieren wir also, dass Raum das ist was zwischen Materieteilen existiert, und die Materie unserer Welt beinahe vollständig von Informationsfeldern zwischen weit auseinander liegenden Teilchen gebildet wird, die wiederum unter Beobachtung sich anders benehmen als sie es normalerweise tun.
Das heißt, dass es nichts gibt, was wir wirklich anfassen können. Es gibt genau genommen nicht einmal etwas, mit dem wir etwas anfassen können! Hand und Gegenstand sind einfach Felder organisierter Teilchen, die aufeinanderprallen. Und nicht einmal das, denn die Elektronen mit ihrer unvorstellbaren Geschwindigkeit sind nur einfach so schnell, dass sie überall gleichzeitig zu sein scheinen, dabei sind sie unglaublich kleine, einsame, einzelne Teilchen, die dauernd ein riesiges Gebiet abfliegen müssen. Unsere Hand, die gerade etwas ertastet, hat einfach nur entdeckt, dass sie gegen eine andere Information, eine andere Existenz gestoßen ist. Und an deren Oberfläche geht es für unsere Hand nicht weiter, denn wir setzen voraus, dass wir dort nicht durchkommen und belassen es dabei.
Aber: würden wir die Atome und Elektronen in unserer Hand wahrnehmen und geschickt lenken können, dann könnten wir es mühelos arrangieren, dass unsere Atome die Atome z.B. einer Wand einfach passieren wie all die entgegenkommenden Fußgänger in einem belebten Einkaufszentrum es täglich miteinander tun. Doch schon die Tatsache, dass wir komplizierten Umständen wie Raum und Zeit – wie wir sie kennen oder, besser gesagt, einschätzen – eine solche Macht einräumen und darüber hinaus tagein, tagaus unsere gesamte Aufmerksamkeit vollkommen unwichtigen Dingen schenken und uns für sie erschöpfen, lässt solch eine filigrane Unternehmung gar nicht erst in den Bereich des Möglichen gelangen. Wir sind überfordert, kaum dass wir uns einer solchen Idee überhaupt auch nur widmen. Ist der typische Forscher, der altbekannte „zerstreute Professor“, deshalb scheinbar so weltfremd? Oder ist er das Gegenteil? Jedenfalls gibt es nur wenige Menschen, die sich in beiden „Realitäten“ mühelos bewegen können. Das Wahrnehmen der Zellen des Körpers, ja, der Atome, ist durchaus möglich, erfordert aber für den Moment eine bedingungslose Abkehr von allem was ich „weiß“ und eine hundertprozentige Hinwendung an alles was „sein kann“. Wir müssen alles vergessen, worauf unser gesamtes Dasein sich gründet und uns öffnen für eine Realität, die uns nicht den geringsten Halt bietet – außer uns Selbst.
Es gibt Menschen, die den biologisch-chemisch-physikalischen Gesetzen ihres Körpers zum Trotz jahrelang nichts essen oder trinken. Sie brauchen diese Hilfsmittel nicht, denn ihre Körper gehorchen einem anderen Wissen.
Raum ist Relation
Was auch immer nun ein Gegenstand ist: es schadet nicht, wenn wir die bisherigen Erkenntnisse noch einmal beiseite lassen. Es gibt noch einiges, was vom „Raum“ berichtet werden kann. Er wird z.B. definiert in Dimensionen):
Es beginnt mit einem Punkt.
Wir verdoppeln ihn und verbinden ihn dann mittels einer Linie mit seinem Gegenstück (stellen sie also in Relation zueinander) – die erste Dimension ist entstanden, und es gibt fortan die Begriffe „hier“ und dort“.
Die zweite Dimension entsteht durch die Verdoppelung dieser Linie, und auch hier wiederum die Aufhebung ihrer Getrenntheit durch ihre Verbindung miteinander. Die Sprache erweitert ihren Schatz um die Worte „hinter“, „vor“, „neben“, etc.
Die dritte Dimension entsteht durch die Verdoppelung dieser so entstandenen Fläche und die Verbindung zwischen ihnen beiden. Ein Raum ist entstanden, und damit die Trennungin „innen“ und „außen“. (Abb.: Wikipedia)
Die vierte Dimension entsteht durch die Verdoppelung des so gebildeten Raumes und der Verbindung der beiden – hier drinnen, da drinnen und beides gleichzeitig...
Ich glaube, ich lasse mich im Moment nicht über die fünfte Dimension aus, mir ist gerade nicht danach.
Die Zeit ist ein Raum Das obige Schema lässt ahnen, wie die Wissenschaft sich auf die Idee versteigen konnte, die vierte Dimension habe etwas mit Zeit zu tun... Ich verweise hier auch noch einmal auf Einstein, da der kluge Kopf schon damals aufgrund seiner Forschungen und Erkenntnisse immer wieder betont hat, mit Raum und verhalte es sich nicht so wie wir meinen.
In der Physik überrascht es niemanden mehr, wenn gesagt wird, es gebe mehrere Wirklichkeiten nebeneinander. Doch es ist die eine Sache, ob ich die Physik durch und durch verstehe, und eine andere Sache, ob ich mir all das merken und es jederzeit von meinem inzwischen lautstark rebellierenden Verstand abrufen kann, der ahnt, dass eine Um-Ordnung seines innig bis verzweifelt geliebten Weltbildes unmittelbar bevorsteht - und es ist eine völlig andere Sache, ob ich diese Erkenntnisse in meinen Alltag übernehme. Doch wenn schon nicht als Wissenschaft, so kann ich diesen Erkenntnissen doch als die Botschaft entnehmen, dass ich alles für möglich halten und mich allem Sein öffnen sollte. Und dass ich mich nur dem puren Sein einzig dieses Augenblickes und erst dann des nächsten hingeben sollte, so sehr es mir irgend gelingt. Albert Einstein: „Wenn du ein wirklicher Wissenschaftler werden willst, dann denke wenigstens eine halbe Stunde am Tag das Gegenteil von dem, was deine Kollegen denken“.
Er selbst ging mit der Zeit nicht anders um als mit seiner Wäsche: So wie er erkannte: „Wozu Socken, sie machen nur Löcher“, kam von ihm völlig profan: „Zeit ist das was man von der Uhr abliest.“
Und sein Freund John Archibald Wheeler: „Zeit ist, was verhindert, dass alles auf einmal passiert." Raum und Zeit setzen Dinge und Geschehnisse einfachnur in Relation.
Zeit in der dritten Dimension
Die Zeit vergeht nachweislich in einem Raum, der sich rasch vorwärts bewegt, langsamer als an einem x-beliebigen stehenden Ort auf der Erde. Schon allein darum kann ich nicht mehr davon ausgehen, dass sie das ist, für das wir sie halten. Die gute alte „Zeit“ war für mich früher nie etwas, das sich relativieren oder sonstwie beeindrucken oder gar beeinflussen lässt.
Vor dem Urknall gab es nichts, das die Definition von Raum oder von Ereignisabläufen erforderlich machte. Das Universum, und damit auch Raum und Zeit, entstand erst im Urknall, dieser unglaublichen Explosion von nichts als Nichts, die alles was uns umgibt und was unsere Körper ausmacht, geboren hat - und die bis heute Nachwehen hat: es wird beobachtet, dass das All sich als Folge davon noch immer ausdehnt. Mit anderen Worten: der Raum expandiert, und die Zeit... ebenfalls. Betrachte ich nun die – nach all den Überraschungen fast schon banale - Tatsache, dass der Raum sich also bewegt, muss ich allein schon deshalb davon ausgehen, dass auch die Zeit vor tausend Jahren nicht das gleiche war wie das, was sie in tausend Jahren sein wird.
Fazit: Der Welt-Raum dehnt sich langsam aber sicher aus, und die Zeit ist auch nicht mehr das, was sie mal war …
Schwarze Löcher
Viele Gemüter haben sich am Rätsel des Universums gerieben, und sie tun es bis heute: Einstein, Wheelers, Feynman, Thorne und Hawking sind nur einige von ihnen. Die Physik ist heute völlig überzeugt von der Krümmbarkeit von Raum, Zeit und Licht. Betrachten wir allein die Erkenntnisse über die vielbestaunten „Schwarzen Löcher“ - sie verlangen uns den allergrößten Respekt ab, und doch sind sie erklärbar -, so wird einiges verständlicher:
Jeder Atomkern, und damit absolut jede Materie, hat eine Anziehungskraft. Wir gehen meist nur von der Anziehungskraft der Erde oder von der eines Magneten aus, doch fehlt sie bei keinem noch so kleinen Gegenstand. Sie wird lediglich meist von der enormen Kraft der Erde in den Schatten gestellt wie das Licht einer Kerze, die in der Sonne steht. Ein Stern hat nun noch bedeutend mehr Atome als unsere Erde, und aufgrund seiner Masse eine wahrhaft beeindruckende Anziehungskraft. Diese Anziehungskraft geht von seinen Atomkernen aus, und diese sind selbst unweigerlich einander ausgesetzt. Ein ungeheurer Druck liegt permanent auf den Atomkernen eines Sterns, sie ballen so kraftvoll zusammen, dass es zu Fusionen kommt. Dies setzt enorme Hitze frei, was wiederum zur Ausdehnung führt, sodass die Größe des Sterns sich durch die Kompression nicht vermindert. Aus seiner eigenen Wärmeproduktion bezieht er also seine Lebensgarantie, und da die Kerne in einem Stern unaufhörlich fusionieren, mangelt es an Temperaturen erstmal nicht. Doch irgendwann baut die Wärme ab, denn auch ein Stern ist kein Perpetuum Mobile. Die Folge ist nun endgültig die Kompression und damit die Verdichtung der Atome: sie sammeln sich auf immer kleinerem Raum, so dass sich ihre ganze ungeheure Gravitationskraft immer noch mehr konzentriert. Diese Anziehungskraft geht irgendwann sogar so weit, dass selbst das Licht, das von diesem Stern produziert wird, nicht mehr entkommen kann. Der Stern verschluckt seine eigenen Strahlen! Das Ganze endet damit, dass der Stern sich irgendwann selbst absorbiert, und dass seine unglaubliche Kraft alles um sich herum in ihren Bann zieht und nie mehr loslässt. Ein Schwarzes Loch ist entstanden. Was auch immer sich fortan diesem „ehemaligen“ Stern nähert, wird von seinem gigantischen Sog erfasst und einverleibt: Materie, Raum, Zeit und Licht. Es gibt nun eine Dimension „jenseits“ dieses Sterns, und dorthin „verliert“ sich alles, was an Raum, Zeit und Licht in seine Nähe kommt. Aus der Ferne betrachtet können wir dies nur noch als etwas Schwarzes erkennen, denn das Licht des Sterns müsste ihm erst entrinnen können, um in unser Auge zu gelangen. Was dem Stern nicht ganz so nahe kommt, dass es von ihm für immer erfasst wird, wird mindestens einen ordentlichen Sog abbekommen: Das „Netz“ der Raumzeit wird verzogen, gekrümmt, verbogen, und so auch der damit verbundene Zeitfluss, sofern es ihn gibt.
Raum und Zeit können sich also bewegen, wandern. Ein jeder Stern verzerrt mit seiner Masse und der damit einhergehenden Energie den Raum und damit auch die Zeit um sich herum, und die Zeit verläuft in der Nähe so großer Massen langsamer. Je größer die Geschwindigkeit eines Raumes oder die Masse eines Sternes, desto mehr büßt die dort herrschende Zeit an Geschwindigkeit ein. Wenn wir ein Wettrennen veranstalten, dann fliegt die Landschaft an uns vorüber, doch die Mitlaufenden wirken im Vergleich mit uns als liefen sie auf der Stelle. Oder wie Campobasso („Das Prinzip“) es ausdrückt: Wenn die Zeit langsamer vergeht, sobald wir uns schneller bewegen, verhält es sich - bildlich gesprochen - offenbar wie auf einer Autobahn: wenn ich am Rand stehe, sehe ich nur Raser, wenn ich aber mit 80 km/h mitfahre, sehe ich überholende Autos. Wenn ich mit 180 km/h auf der linken Spur fahre, sehe ich nur Hindernisse.
Newton ging in seinem 17. Jahrhundert noch davon aus, dass Raum und Zeit einfach den unbeeindruckten Hintergrund für alles Geschehen in unserem Universum bilden. Die Zeit hatte es nach Ansicht Isaac Newtons schon immer gegeben und er glaubte, sie würde sich auch nie eines Anderen besinnen können. Der Raum wiederum sei selbstverständlich von ihr getrennt. Damals war es für die meisten Menschen außerdem eine feststehende und mit den Zähnen verteidigte Tatsache, dass das Universum erst ein paar tausend Jahre vorher genauso erschaffen worden sei wie es jetzt existiere. Immanuel Kant jedoch fragte sich „Wenn das Universum tatsächlich mit einem Mal erschaffen wurde, warum dann diese unendliche Wartezeit vor der Schöpfung? Oder aber: wenn es schon ewig existiert, warum ist dann nicht alles, was geschehen könnte, bereits geschehen und die Geschichte längst zu Ende?“ (veränderter Auszug aus Hawkings „Universum in der Nussschale“). Und warum hat das Universum in all der Zeit noch nicht einmal ein thermisches Gleichgewicht erreicht?
Hat das Universum jedoch im Urknall seinen zündenden Anfang (mal abgesehen von einem Ende), in dem Raum, Zeit und Materie erschaffen wurden, dann ist all dies, was wir mit unseren Sinnen erfassen können, ein unglaublich überwältigender Film, sonst nichts. Denn das Leben lässt sich partout nicht von der Wissenschaft erfassen, so sehr sie sich auch bemüht, und Raum und Zeit sind ganz offenbar seine Spielbälle, mit denen es die Massen in Bewegung hält, wie es ihm als Nächstes beliebt.
Die Frage drängt sich immer mehr auf, wo Gott eigentlich ist, während ich das hier schreibe. Geht es ihm gut? Mit Sicherheit. Es ist sein Meisterstück, das wir hier bewohnen: Sein Raum, seine Zeit, sein ganzer Kram, sein Film, geschaffen aus sich selbst!
Aber was hat Gott eigentlich gemacht, bevor er das alles erschuf?
Hier komme ich wieder mit Informationen aus Hawkings Buch, wo der heilige Augustinus erwähnt wird, der angesichts der Blasphemie dieser Frage eindringlich mahnte, man solle darüber keine Witze machen, dann aber anfügte, Gott habe vorher die Hölle für diejenigen geschaffen, die solche Fragen stellen (er konnte das Jucken in seinem Gehirn offenbar auch nicht verdrängen). Aber er beantwortete die Frage für sich folgendermaßen: Er glaubte Gott habe, bevor er Himmel und Erde erschuf, gar nichts getan.
Aber mit so profanen Dingen wie Gott will nicht jeder hier im Raum sich befassen. Also komme ich wieder auf das eigentliche Thema. Nur - ich muss schon sagen, Gott kommt mir hier daher wie Urlaub.
Zeiten
Nicht nur, dass die meisten Physiker nur noch unbeeindruckt mit dem Kopf nicken, wenn erwähnt wird, Zeit sei relativ, veränderbar, endlich und launisch: es wird längst gar gemunkelt, sie sei nicht einmal allein!
Zeitstränge gebe es mehr als einen. Verknüpft seien sie miteinander. Es gebe sogar unendlich viele.
Nur ein Film?
Dieser Film ist längst abgedreht worden. Er läuft und läuft und ist unendlich lang. Und es sind Trilliarden verschiedene Filme gleichzeitig in ihm vereint. Es heißt, es sei jede einzelne Variante eines jeden Daseins, eines jeden Geschehens, Handgriffes und Geräusches bereits als Aufnahme vorhanden und werde in jedem Bruchteil einer Sekunde neu arrangiert. Es seien die endlos vielen Kanäle der Zeit, durch was wir uns hier bewegen.
„Richard Feynman“, so Hawking, „… schlug die Hypothese vor, dass Teilchen auf ihrem Weg von einem Ort des Universums zum anderen jeder möglichen Bahn durch die Raumzeit folgen, mit anderen Worten: jede irgend mögliche Geschichte durchleben.“ So kommen wir denn an den Punkt, an dem wir begreifen, dass alles gleichzeitig in einem unendlich langen, unsagbar kurzen Moment geschieht. Es ist die imaginäre Zeit, in der wir uns bewegen, und sie ist einfach eine von vielen Raumrichtungen.
Andreas Campobasso („Das Prinzip“): „Zeit verändert sich nicht, obwohl alle Dinge sich mit der Zeit verändern. Denn Zeit ist eine Kraft, die Ereignisse getrennt hält, jedes an seinem Platz. Zeit ist nicht in Bewegung aber Du bewegst Dich durch die Zeit, weil sich Dein Bewusstsein von einem Ereignis zum anderen bewegt.“
Tatort Universum
Das Universum, wie wir es kennen, ist endlich, und es wird spekuliert, was sich jenseits seiner Grenzen befindet. Es gibt drei führende Theorien darüber, doch für mich steht fest, dass die Grenze des Universums nicht nur ein bestimmter Ort in Raum und Zeit ist, denn dann könnten wir darüber einfach hinausgehen und das Gebiet dahinter immer weiter als Fortsetzung eben dieses Universums deklarieren.
Dass die Grenze einfach ein Riss ist, an dem sich alles staut, finde ich ebenso absurd wie die Vorstellung, das All sei vielleicht in sich bündig wie die Erdoberfläche.
Nachdem ich mich mit dem Thema befasst und vorher, dabei und danach vieles begriffen habe, kann es für mich nur eine Möglichkeit geben, dass nämlich der Begriff „Universum“ einfach ein Synonym für „Ort des Geschehens“ ist. Jenseits seiner Grenzen geschieht meines Erachtens nichts, was wir aus unserem materiellen, polarisierten Bewusstsein heraus begreifen könnten. Lasse ich mich aber auf all die Erkenntnisse und Erfahrungen ein, die ich im Laufe meines aufmerksamen Lebens gewonnen habe, ohne dass ich sie beharrlich mit meinen unbeholfenen sechs Sinnen erfassen will, dann weiß ich für mich sicher, dass außerhalb des Universums noch immer die gleiche Situation herrscht wie vor dem Urknall, denn diese Situation ist uns auch hier und jetzt, an unserer Seite, vor, über, unter, hinter und in uns erhalten geblieben: Die Sphäre zwischen den Teilchen, die wir Raum nennen. Im Großen wie im Kleinen.
Raum und Zeit sind keine Illusion, doch auch keine verbindlichen Größen!
So sicher wie Materie nur aus ein paar winzigen Teilchen und jeder Menge Bindungsenergie besteht, so sicher lässt sich diese Bindungsenergie für unsere Zwecke gebrauchen, wie wir es immer getan haben. Daran ändert sich nichts.
Und das Universum expandiert, und unsere Welt, mitsamt Raum und Zeit, expandiert.
Yvonne Mohr
Original mit Abbildungen. € 2,-